Handwerk in der Corona-Pandemie

Für zehn Millionen Menschen haben Unternehmen Kurzarbeit angezeigt, die Zahl der Arbeitslosen steigt und die Bundesregierung rechnet wegen der Corona-Pandemie mit der schwersten Rezession seit 75 Jahren. Andererseits werden aktuell die Anti-Corona-Maßnahmen gelockert: Erstmals nach der verordneten Zwangspause dürfen Friseure in Bremen wieder arbeiten.

Wie sich aktuell die Situation für die rund 5.000 Handwerksbetriebe und 30.000 Beschäftigten im Bremer und Bremerhavener Handwerk darstellt, darüber haben Vertreter des Bremer Handwerks heute mit Journalisten gesprochen.

Gesprächsteilnehmer:
Thomas Kurzke, Präses der Handwerkskammer Bremen
Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen
Silke Gohlke, Geschäftsführerin hautquartier® GmbH & Co. KG
Stefan Hagens, HAIRLINER’S Hagens und Kaemena GmbH
Christophe Lenderoth, Lenderoth Service GmbH

Handwerk ist heterogen

Das Handwerk ist mit seinen 131 Gewerken und Betriebsgrößen zwischen Ein-Mann-Selbständigen bis hin zu mehreren hundert Mitarbeitern extrem heterogen. Wie oft in schwierigen Phasen erweist es sich jedoch auch diesmal als überaus stabil. „Zwar sind vielen Betrieben Aufträge weggebrochen und es fehlen Einnahmen aus Ladengeschäften. Andererseits arbeiten viele Betriebe wie aus den Bau- oder Ausbau-Gewerken nahezu unverändert weiter.

Angebote und Produktion angepasst

Andere Gewerke wie das Schneider-Handwerk haben sich in ihrer Produktion kurzfristig umgestellt und zusätzliche Geschäftsfelder entdeckt. So können auch in dieser schwierigen Zeit viele Menschen im Handwerk weiter ihr Auskommen für sich und ihre Familien erwirtschaften“, sagt Thomas Kurzke, Präses der Handwerkskammer Bremen.

Die Krise wird vorüber gehen

Wo es knapp ist, verzichten viele Betriebsinhaber derzeit auf ein eigenes Einkommen. Doch anders als in vielen Industrie-Unternehmen wird im Handwerk jedoch kaum über Entlassungen gesprochen. Im Gegenteil: „Die Handwerker sind sich bewusst, dass die schwierige Phase der Corona-Krise in absehbarer Zeit vorüber sein wird. Dann zieht die Konjunktur im Handwerk wieder an“, prognostiziert der Präses der Handwerkskammer Bremen, Thomas Kurzke.

Handwerkskammer begrüßt Hilfen und unterstützt Bremer Aufbaubank

Trotzdem gibt es Betriebe, denen durch die Pandemie Liquidität fehlt. „Zur Bearbeitung von Anträgen für die Soforthilfen des Bundes und der Förderangebote des Bremer Senats hat die Handwerkskammer zum Teil mit der Hälfte ihrer Mitarbeiter eng mit der Bremer Aufbaubank kooperiert, damit die Anträge korrekt gestellt und Hilfen schnell bereit gestellt werden können“, sagt Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Bremen. Die Handwerkskammer begrüßt die gebilligten Hilfen ausdrücklich. Sie sollen die wirtschaftlichen Folgen abfedern und werden dazu beitragen, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Weitsicht gezeigt

Seit dieser Woche dürfen die zwangsweise geschlossenen Friseure und Kosmetik-Betriebe öffnen und unter besonderen Voraussetzungen Kunden bedienen. Dazu gehört auch das „hautquartier“ von Kosmetikerin Silke Gohlke. Als am 13. März die Kitas geschlossen wurden, war für Kosmetikerin Silke Gohlke klar, dass es zu einem Lockdown kommen würde. Sie hat ihr Team vorgewarnt, Kunden informiert und ihnen empfohlen sich mit dringend benötigten Produkten zu bevorraten.

Sofort-Hilfen und Kurzarbeitergeld sind wertvoll

Gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen hat die Inhaberin des hautquartier einen Pandemie-Plan aufgestellt, die Mitarbeiterinnen ins Home-Office geschickt und Kurzarbeit angemeldet. Im April hat sie mit einem Gefühl von Scham eine Soforthilfe beantragt. „Glücklicherweise gibt es solche Hilfen, denn die Kosmetik-Betriebe sind oft Klein- oder Kleinstbetriebe, die keine großen Rücklagen haben und häufig Frauen in Teilzeit beschäftigen – die zum Teil alleinerziehend sind“, sagt sie.

Abgestimmte Auskünfte

„Man braucht starke Nerven“, hebt sie hervor. Denn in der Phase der Wiederöffnung gab es zum Teil widersprüchliche Auskünfte zur Durchführung von Gesichtsbehandlungen: Einerseits wurde ein generelles Verbot kommuniziert, andererseits eine Erlaubnis kommuniziert solange Mundschutz getragen würde. Eine dritte Stelle forderte einen speziellen FFP2-Mundschutz. Die Kosmetikerinnen des Teams arbeiten nun vorsorglich hinter einem um die Kunden-Liege installierten Tröpfchen-Infektionsschutz mit Visier sowie FFP2 Masken. Für die Zukunft wünschen sie sich eindeutige abgestimmte Auskünfte der zuständigen Stellen.

Frisieren mit Maske

Friseurmeister Stefan Hagens und sein Team dürfen seit dem 4. Mai wieder arbeiten. Sie arbeiten mit Schutzmasken und aufgeteilt in verschiedenen Teams, die zu verschiedenen Zeiten tätig sind und sich nicht begegnen. „Das ist eine Sicherheitsmaßnahme, damit im Fall des Falles nicht sämtliche Mitarbeiter in Quarantäne müssten“, sagt er.

Besser informieren

Für die Zukunft wünscht sich der Friseur eine abgestimmte Vorgehensweise und bessere Informationspolitik. Denn von der Verfügung der Bremer Innenbehörde – dass Friseurbetriebe ab dem 21. März geschlossen zu bleiben haben – wurden Stefan Hagens, sein Geschäftspartner Rainer Kaemena und alle Mitarbeiter überrascht. Zwar war durch die vorherige Bund-Länder-Besprechung bekannt, dass Friseur ab Montag dem 23. März geschlossen bleiben sollten. Am Nachmittag des 20. März verfügte jedoch die Bremer Innenbehörde, dass in Bremen die Schließung bereits zum nächsten Morgen gilt. Den Friseurbetrieben wurde dies jedoch nicht kommuniziert. So staunten Hagens, Kaemena und sämtliche Mitarbeiter und Kunden, als die Polizei am Samstagmorgen den Betrieb schloss. „Es wäre ein Unding, wenn Friseure dafür bestraft würden“, sagt der Präses der Handwerkskammer.

Innovative Ideen

Während die Corona-Pandemie einerseits viel Kräfte bindet, setzt sie andererseits neue Energien frei, um die Situation ungefährlicher und erträglicher zu machen. Ein Beispiel dafür bietet die Lenderoth Service GmbH. Bei dem Versuch den Infektionsschutz zu verbessern und die Tröpfcheninfektion möglichst zu verringern, sind Türklinken und Griffstangen in den Fokus gerückt. Sie werden in Eingängen, Fluren oder Toiletten ständig berührt, was die Oberflächen von Klinken und Türen zu Sammelplätzen für Bakterien und eben für (Corona-)Viren macht. Eine Lösung ist die Umrüstung von Bestandstüren auf automatisch angetriebene Türen, die ohne jede Berührung geöffnet oder geschlossen werden können – via Funksender, durch Radartechnologie oder berührungslosen Taster. „Das senkt die Infektionsgefahr und den Schutz vor Viren aller Art”, erklärt dazu Christophe Lenderoth. Daneben fertigt sein Betrieb Glasschutztrennwände als Schutz vor Husten- Nies- und Tröpchen-Infektionen – auch als mobile Variante für Fitnessstudios, Pflege- und Altenheime, in denen sich Menschen nah sein wollen, ohne sich berühren zu dürfen.

Ausbildungsangebote im April identisch

Aus Sicht von Präses Kurzke wird der Prozess bis zur vollständigen Normalisierung langwierig sein. Da etlichen Betrieben seit Jahren Nachwuchs fehlt und ihre personellen Kapazitäten knapp sind, ist schon jetzt sicher, dass viele Aufträge in der zweiten Jahreshälfte nur mit Mühe oder gar nicht nachgeholt werden können. Viele Handwerker wollen Nachwuchs ausbilden. Im April lag das Angebot freier Ausbildungsplätze nahezu exakt auf Vorjahresniveau.

Bewerbungen fehlen

Indes: Es fehlt an Bewerbungen und so haben aktuell weniger Betriebe Ausbildungsverträge unterzeichnet als vor einem Jahr. Hauptgeschäftsführer Andreas Meyer begründet dies damit, dass angesichts der Pandemie eine Scheu vor Bewerbungen besteht. Er appelliert an Jugendliche und Schulabgänger sich zu bei den Handwerksbetrieben zu bewerben und einen Ausbildungsplatz zu sichern. „Ganz gleich, welche Fähigkeiten und welchen Schulabschluss man hat – im Handwerk sind die Zukunftsperspektiven hervorragend!“, sagt er.

Wirtschaft stärken, Wertgrenzen anheben

Um die von den Schutzmaßnahmen und von der Pandemie betroffenen Gewerke des Handwerks nachhaltig zu unterstützen, regt die Handwerkskammer Bremen eine zeitlich befristete Reduzierung der Gewerbe- und Grundsteuer an. Daneben bietet es sich an, die Wertgrenzen für freihändige Vergaben und beschränkte Ausschreibungen zeitlich befristet anzuheben. „Dies würde es ermöglichen, dass notwendige Ausschreibungsverfahren deutlich beschleunigt würden und gezielt die regionale Wirtschaft unterstützen“, sagt Hauptgeschäftsführer Meyer.

Grüne Technologien fördern

Zusätzliche Investitionen in grüne Technologien würden einerseits die regionale Wirtschaft stützen und andererseits branchenübergreifend den Arbeitsmarkt positiv beeinflussen und die nachhaltige Entwicklung des Landes Bremen beschleunigen. Falls es – wie von Experten prognostiziert – zu einer zweiten Infektions-Welle im Herbst käme, wünschen sich die Betriebsinhaber eine einheitliche und überregional abgestimmte Vorgehensweise mit einer bessere Informationspolitik.

08.05.2020