Die lokale Wirtschaft muss gestärkt werden

Wirtschaftswissenschaftler fordert Konzentration auf kleine Betriebe.
„Deutschland wird gestärkt aus der Corona-Pandemie hervorgehen, wenn die Politik sich künftig stärker auf das Handwerk konzentriert als in der Vergangenheit.“ Professor Dr. Rudolf Hickel spricht sich bei der Handwerk-Ma(h)lzeit im Gewerbehaus für die Förderung lokaler Akteure aus.

Kommt man zu Wort, wenn man in diesen Zeiten einen Wirtschaftswissenschaftler einlädt? Ja, wenn man der Präses der Handwerkskammer ist und die richtigen Fragen stellt! So war es bei der jüngsten Ausgabe der Handwerk-Ma(h)lzeit in der Handwerkskammer Bremen. Das auf Facebook und Youtube live übertragene Gespräch zwischen Kammer-Präses Thomas Kurzke und dem Professor für Finanzwissenschaft und Forschungsleiter für "Wirtschaft und Finanzen" am Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen, Professor Dr. Rudolf Hickel, verfolgten im Internet 200 User.


Auf Lokal-Ökonomie konzentrieren
Als könnte es in einem Gespräch mit einem Ökonomen derzeit nicht anders sein, ging es schwerpunktmäßig um die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Überraschenderweise meint Professor Hickel, dass Deutschland ökonomisch gestärkt aus der Krise hervorgehen wird. Sie wirke wie Brennglas und verdeutliche die Probleme der Globalisierung. Deutschland sei wegen billigerer Löhne abhängig gemacht worden, doch als Wertschöpfungs- und Lieferketten zusammen brachen, zeigten sich die Vorteile der nationalen Ökonomie und des Handwerks. Hierauf müssen sich die Politik künftig viel stärker konzentrieren als in der Vergangenheit.

Hilfreiche Instrumente statt Ideologie
Der Professor ist zudem der Meinung, die Politik habe überraschend gut reagiert. Bundesregierung und Bremen hätten begriffen, dass es geboten sei, die ideologischen Scheuklappen abzulegen. Aus Prof. Hickels Sicht sei dabei das Instrument des Kurzarbeitergeldes enorm wichtig. Es habe bewirkt, dass es nicht zu Massenentlassungen gekommen sei. Stattdessen würde das Personal gehalten. „Wenn man Lohnsummen nicht mehr aufbringen kann und Kurzarbeit macht und danach wieder normal arbeiten kann, ist das günstiger als jede Arbeitslosigkeit. Das Instrument ´Kurzarbeit` solle unbedingt verlängert werden, sagt er. Die erste Runde der staatlichen Förderprogramme hätte zwar teilweise zu Mitnahme-Effekten geführt, doch die Bundesregierung habe gelernt und bei den Stützen und Hilfen nachgelegt. Dies sei der richtige Weg. Allerdings seien einige Programme jetzt derart bürokratisch, dass bei den Anträgen oft nur Steuerberater helfen könnten.

Für Betriebe, die unverschuldet die Insolvenz beantragen müssten, solle der Antrag bis Ende des Jahres ausgesetzt werden. Insgesamt sei „jede Maßnahmen, die den Absturz abbremst, hilfreicher als alles ideologische Geschwätz“, sagte der Professor wörtlich.

Lokalwirtschaft fördern – Mehrwertsteuer auf Handwerkerleistungen senken
Kritisch sieht Professor Hickel die zeitweilige Senkung der Mehrwertsteuer und hält auch deren Dauer von einem halben Jahr für falsch. „Alle wissen, es macht keinen Sinn, denn wenn sie wichtig wäre, würde man auf eine längere Frist setzen“, sagt er. So aber seien Käufe lediglich zeitlich verschoben worden. „Die Menschen nehmen es so hin, denn es hat ja nicht geschadet“, witzelt er. Mit einer Verlängerung rechnet Hickel nicht. „Dies wäre eine Katastrophe und nichts weiter als ein Geschenk fürs richtige Wahlverhalten“, frotzelt er.  Sinnvoller und besser wäre es aus Sicht des Professors ohnehin, wenn das Mehrwertsteuer-System lokal-ökonomisch freundlicher gestaltet würde. Hierzu regte er eine grundsätzliche Debatte darüber an, ob die Mehrwertsteuer auf Handwerkerleistungen dauerhaft gesenkt werden solle. Dies würde direkt der nationalen Ökonomie nützen.


Fachkräfte des Handwerks aufwerten
Diese Ökonomie lebe von der Vielfalt. Als blockierender Faktor würde die Digitalisierung gesehen –  weit vor dem Fachkräftemangel. Allerdings habe Deutschland zurzeit Mengen von Menschen im System der Hochschulen, die der Wirtschaft nicht zur Verfügung stünden. Insgesamt sei die Berufsorientierung viel zu wenig auf das ausgerichtet, was die Wirtschaft brauche. Selbst duale Studiengänge seien oft viel zu theoretisch. Sie sollten viel stärker auf die Berufspraxis ausgerichtet sein. Wenn man die lokale Wirtschaft wirklich stärken wolle, müssten die Fachkräfte des Handwerks deutlich aufgewertet werden, so sein Plädoyer.

Kleine Betriebe bevorzugen
Für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands erwartet Professor Hickel nur noch ein langsames Wachstum. Zuwächse von drei Prozent hält er für kaum noch vorstellbar und sieht insgesamt große Risiken in Europa und weltweit durch Renationalisierung, aggressiven Staatskapitalismus, Populismus und Fake-News. „Es gibt Probleme, die wir lösen müssen. Sicher ist, dass die Politik sich mehr auf Stärken der Lokalwirtschaft konzentrieren wird. Auch in Bremen!“, prognostiziert er. „Bislang nageln wir zu viele wertvolle Flächen mit Lagerhallen zu“, kritisiert er.

23.09.2020

Andreas Meyer
Hauptgeschäftsführer

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