Handwerkskammer und Sparkasse Bremen verleihen Preise für „Innovatives Handwerk 2020“

Wie vielschichtig das Handwerk in Bremen ist – das zeigt sich jährlich bei der Preisverleihung zum „Innovativen Handwerk“. Handwerkskammer und Sparkasse Bremen würdigen die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger dabei erstmals virtuell.

Die Preisverleihung fand in den vergangenen Jahren anlässlich des „Mahl des Handwerks“ statt. Dabei nutzen rund 300 Gäste aus Handwerksbetrieben, Vertreter der Politik, Wirtschaft und Verwaltung die Chance, an dem Netzwerk-Treffen des Wirtschaftszweiges teilzunehmen. In diesem Jahr ist die Veranstaltung aber nicht möglich – hier wirken sich die Corona-Kontakteinschränkungen aus. Aber Handwerk wäre nicht Handwerk, wenn es nicht innovativ auf diese Veränderung reagieren könnte: Die Preise in den drei Kategorien werden virtuell vergeben, die Würdigung erfolgt in einem kurzen Video-Spot. Erstmals ehren die beiden Institutionen in diesem Jahr auch einen vorbildlichen Handwerker für sein Lebenswerk.

„Die diesjährige, virtuelle Preisverleihung zeigt: Das Handwerk nutzt die Chancen, die sich durch die Digitalisierung bieten“, stellt Klaus Windheuser, Vorstandsmitglied der Sparkasse Bremen fest. Digital zu agieren werde für das Handwerk mehr und mehr Alltag. Intern würden Online-Tools Buchhaltung und Rechnungsstellung erleichtern. 3D-Druck oder „Mixed Reality“ seien Angebote, von denen die Kundschaft direkt profitieren könnten. „Wie könnte der vom Handwerksbetrieb gebaute Tisch im Wohnzimmer des Kunden aussehen?“, nennt er ein Beispiel für virtuelle Anwendungen.

Dabei wären die Ideen und Innovationen so unterschiedlich wie die Bandbreite an Betrieben, die zum Handwerk zählen. Zudem zeige sich die Branche als robust in den Zeiten der Corona-Pandemie. „Die überwiegende Zahl unserer Kundinnen und Kunden im Handwerk berichtet von einer zufriedenstellenden Auftrags- und Geschäftslage im laufenden Jahr“, berichtet Windheuser. Schwierigerer sei die Situation durch Corona allerdings für Betriebe, die im Messe- und Veranstaltungsbau tätig sind, sowie unter anderem in der Zahn- und Orthopädietechnik.


„In der Gesamtheit betrachtet spielt das Handwerk aber derzeit wieder einmal eine wichtige Rolle als Stabilisator des Wirtschaftsstandorts mit Blick auf die Wertschöpfung, Wirtschaftsleistung und Arbeitsplätze“, fasst er zusammen. Daher sei es auch wichtig, das Thema Unternehmensnachfolge und die verschiedenen Handlungsoptionen rechtzeitig anzugehen. „Für viele der rund 5.300 Handwerksbetriebe in der Hansestadt stellt sich das Thema Nachfolge in den kommenden Jahren“, weiß Klaus Windheuser.
Dass der Übergang gelingen kann, das innovative Ansätze und nachhaltige Konzepte im Handwerk Erfolg bringen – das zeigen die diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger. Handwerkskammer und Sparkasse zeichnen drei Betriebe mit dem Preis „Innovatives Handwerk 2020“ aus und vergeben erstmals einen Ehrenpreis für das Lebenswerk. Als Hausbank des Handwerks dotiert die Sparkasse Bremen den Preis mit insgesamt 8.000 Euro in den Kategorien „Nachfolge“, „Technologie und Nachhaltigkeit“, „Gesellschaftliche Verantwortung“ und „Lebenswerk“.

Die Jury setzte sich dabei aus Experten der Handwerkskammer Bremen zusammen. Zentrale Kriterien sind dabei gute Ideen, die nachweisbar zu Erfolgen führen, die Umsetzbarkeit in der täglichen Arbeit, ein überdurchschnittlicher unternehmerischer Einsatz sowie das Engagement für mehr Nachhaltigkeit.
Die Handwerkskammer Bremen freut sich, dass auch in diesen außergewöhnlichen Zeiten die Sparkasse Bremen an der Preisverleihung für das "Innovative Handwerk" festhält und somit eine bremische Tradition fortsetzt. "Auch in diesem Jahr war es für die Jury wiederum eine große Herausforderung aus den Vorschlägen die Preisträger auszuwählen, da die Unterschiedlichkeit und Vielfalt der eingereichten Bewerbungen wieder beeindruckend war und die Jury somit vor keine leichte Aufgabe stellte", führt der Präses der Handwerkskammer Thomas Kurzke aus.

Hervorzuheben ist die Tatsache, dass erstmalig auch ein Betriebsinhaber für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird, der sich nicht nur durch eine erfolgreiche Betriebsführung auszeichnet, sondern sich insbesondere durch sein Engagement für eine gute Ausbildung in seinem Gewerk, für den Umweltschutz sowie im Ehrenamt hervorhebt. "Hierfür bedanken wir uns im Namen des bremischen Handwerks,“ erläutert der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Andreas Meyer.

Innovatives Handwerk: Preisträgerinnen und Preisträger 2020

Kategorie „Technologie und Nachhaltigkeit / Umweltschutz“
1996 absolvierte Helga Dietz als erste Frau in Norddeutschland die Meisterprüfung als Kälteanlagenbauerin. Erlernt hatte sie ihren Beruf in den 1980er Jahren im elterlichen Betrieb, der 1953 gegründeten Dietz Kältetechnik, den sie vor einigen Jahren übernommen hat. Sie brachte den Schwerpunkt Klima- und Umweltschutz ins Unternehmen ein. Gemeinsam mit ihren Mitarbeitenden sucht Helga Dietz heute bei jedem Auftrag nach energieeffizienten, optimalen Lösungen für ihre Kundschaft. Dazu gehört zum Beispiel, ihnen die Installation einer Außenverschattung zu empfehlen – damit wird vermieden, dass die Klimatisierung aufwändig aufgerüstet werden muss. Das Gebot für Energieeffizienz und Klimaschutz gilt zugleich im eigenen Betrieb: Eine Photovoltaikanlage, LED-Beleuchtung, neue Fenster und eine moderne Pellet-Heizungsanlage mit Solarthermie waren der erste Schritt, um klimaschädliche Emissionen zu vermeiden. Seit dem Geschäftsjahr 2019 darf sich Dietz Kältetechnik sogar als „klimaneutrales Unternehmen“ bezeichnen: Alle Emissionen, die im unmittelbaren Bezug zu den eigenen Geschäftsprozessen stehen, kompensiert das Unternehmen durch finanzielle Unterstützung von zertifizierten Klimaschutzprojekten. Zudem wurde das Unternehmen durch das Umweltressort als „Klimaschutzbetrieb“ ausgezeichnet. Das Engagement geht sogar so weit, dass den Kunden und Kundinnen eine kostenlose Solarberatung ermöglicht wird, damit der zusätzliche Energiebedarf möglichst nachhaltig gedeckt werden kann. In der Kategorie „Umweltschutz“ zeichnet die Jury daher die Dietz Kältetechnik in Burglesum aus.


Kategorie „Betriebsgründung / Nachfolge im Handwerk“
1920 gründete der Schlossermeister Theodor Brokop eine Schlosserei und Schmiede. Heute ist das Unternehmen Brokop Stahlbau im Bereich Stahlbau in der Region unterwegs, überwiegend für öffentliche Auftraggeber und Industriebetriebe. Das Besondere am Unternehmen: Es wird bereits in der vierten Generation innerhalb der Familie geführt. So arbeiten im hundertjährigen Jubiläumsjahr des Betriebes zwei Generationen erfolgreich im Unternehmen zusammen, stellen sich gemeinsam den heutigen und künftigen technischen Anforderungen im Stahlbau – etwa mit dem firmeneigenen Ingenieurbüro für die Planung. Im Betrieb selbst werden in diesen Monaten die abschließenden Schritte der Übergabe von der dritten an die vierte Generation vorbereitet. Und auch die fünfte Generation bereitet sich mit entsprechender Ausbildung bereits auf die Übernahme von Aufgaben im Betrieb vor. „Diese natürliche und fließende Übertragung des Unternehmens im Familienverbund über jetzt 100 Jahre scheint hier eine Selbstverständlichkeit zu sein“, lobt die Jury. Zusätzlich wurden und werden im Betrieb klassische Handwerkstraditionen gelebt: Enger Kontakt zu den Mitarbeitenden, hohe Ausbildungsbeteiligung, Betätigung im Ehrenamt. Die Jury würdigte all dies mit dem Preis in der Kategorie „Nachfolge im Handwerk“.


Kategorie „Gesellschaftliche Verantwortung“
Bereits als 12-Jährige Schülerin hatte Lene Siemer ihren ersten Aushilfsjob in der „Backstube – Backen mit Leidenschaft“ in Bremen-Nord. Gegründet wurde der Betrieb 1983 von Ihren Eltern Birgit und Rainer Knoll; Lene Siemer kehrte 2011 – nach einer kaufmännischen Ausbildung in einem anderen Unternehmen – zur Backstube zurück. Mit den Eltern war schon damals vereinbart, dass sie den Betrieb zu gegebener Zeit übernehmen und fortführen sollte. Nach dem plötzlichen Tod von Rainer Knoll im Jahr 2017 führte zuerst Birgit Knoll zusammen mit ihrer Tochter das Unternehmen fort, ehe es Ende 2019/Anfang 2020 an Lene Siemer überging. Eine Herausforderung, der sich die heute 35-Jährige bewusst stellte. „Die Selbstständigkeit hat für mich den großen Vorteil, dass ich auch bei hoher Arbeitsbelastung flexibel meinen Arbeitsalltag mit dem Familienalltag vereinbaren kann“, meint sie. Aktuell beschäftigt das Unternehmen 70 Mitarbeitende aus 16 verschiedenen Nationen. Sie backen täglich rund 70 verschiedene Produkte, die an bis zu 200 Kunden im Großraum Bremen, Hamburg, Hannover, Oldenburg und umzu ausgeliefert werden. Das gesamte Sortiment ist dabei zu hundert Prozent ökologisch ausgerichtet – wie der Betrieb selbst auch. Die Fahrzeug-flotte fährt überwiegend mit Erdgas, die Rohstoffe sind frei von Zusatzstoffen, Geschmacks-verstärkern oder Gentechnologie. „Backen mit Leidenschaft bedeutet, dass wir auf Chemie und industrielle Fertigungsweisen verzichten und regional angebaute rein biologische Rohstoffe einsetzen“, so Lene Siemer. Die Jury beeindruckte zusätzliche das hohe gesellschaftliche Engagement der Unternehmerin. Der Betrieb bildet jedes Jahr aus und bietet über das EQ-Programm des Aus- und Fortbildungszentrums Bremen bereits seit 2014 jedes Jahr bis zu vier EQ-Praktikumsplätze an. „Das Unternehmen strahlt gelebte Vielfalt regelrecht aus“, begründet die Jury den Preis in der Kategorie „Gesellschaftliche Verantwortung“.
 

Sonderkategorie „Ehrenpreis für das Lebenswerk“
Erstmalig verliehen wird ein „Ehrenpreis für das Lebenswerk“. Ihn erhält Dachdecker-meister Lutz Detring, Gesellschafter und Geschäftsführer der Friedrich Schmidt Bedachungs-GmbH. Lutz Detring bestand Anfang der 1980er-Jahre die Meisterprüfung und wurde damals auch in die Geschäftsführung des Unternehmens berufen. Seit 2008 führt er den Betrieb gemeinsam mit seiner Tochter Katrin Detring. Die Friedrich Schmidt Bedachungs-GmbH beschäftigt heute rund 120 Mitarbeitende, davon 19 Auszubildende.

Den Ehrenpreis erhält Lutz Detring, weil es ihm immer wieder gelang, als Unternehmer vorbildlich seiner gesellschaftlichen Verantwortung Ausdruck zu verleihen: Er engagierte sich viele Jahre als Obermeister für die Dachdeckerinnung, arbeitete ehrenamtlich in der Vollversammlung der Handwerkskammer Bremen mit und gründete gemeinsam mit vier anderen Betrieben den „Bremer Dachdecker-Campus“. Idee hinter dem Campus: Neue Wege zu beschreiten im Wettstreit um Fachkräfte fürs Handwerk. Die fünf Bremer Dachdecker-Unternehmen bauten eine Lagerhalle mit Seminarraum zum Dachdecker-Campus um; schufen damit einen bundesweit einzigartigen Lernort für die Auszubildenden. Die Campus-Teilnahme ist dabei freiwillig und findet am Wochenende statt.
Das außerordentliche Engagement von Lutz Detring zeigt sich auch in seinem eigenen Betrieb: Bereits 2010 erhielt er die Auszeichnung „Klimaschutzbetrieb“, 2009 und 2012 den Preis „Innovatives Handwerk“. In der Nachwuchs- und Mitarbeiterförderung setzt das Unternehmen Maßstäbe – von Fortbildungsangebote für alle Mitarbeitenden über wöchentliche Theorienachhilfe für Azubis, die erfolgreiche Integration von Geflüchteten mit zusätzlichem Deutschunterricht und der Einbindung der Familien der Mitarbeitenden u.a. auch mit zusätzlichem Deutschunterricht für die Ehefrauen. Zusätzlich spielt aktiver Umweltschutz im betrieblichen Alltag eine große Rolle – vom emissionsarmen Fuhrpark bis zum nachhaltigen Bauen.

04.12.2020

Andreas Meyer
Hauptgeschäftsführer

Telefon 0421 30500-102
Telefax 0421 30500-109
meyer.andreas@hwk-bremen.de